← Zur Mediathek

Meditation

Der Atemzug der Erde & Stillstand im Licht

Energie & Motivation

Atme einmal tief ein.

Halte für einen Moment die Luft. Nicht lange…nur so lange, wie es sich von selbst ergibt. Spüre diesen kurzen Augenblick zwischen Einatmen und Ausatmen, in dem nichts mehr fließt. Kein Luftzug nach innen, keiner nach außen. Ein winziger Stillstand. Genau das passiert heute auch am Himmel.

Solstitium – Sonnenwende – kommt aus dem Lateinischen: sol stat, „die Sonne steht still“. Am 21. Juni erreicht sie ihren höchsten Punkt im Jahreslauf. Für einen Moment kehrt sich nichts mehr. Sie steigt nicht mehr, sie sinkt noch nicht. Sie ist einfach da, im Umkehrpunkt. Die Erde macht heute genau das, was Du gerade in Deinem eigenen Atem gespürt hast.

 

Ein Tag, zwei Anlässe

Der 21. Juni ist die Sommersonnenwende und seit 2015 auch der Internationale Tag des Yoga, der von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde. Das Datum wurde nicht zufällig gewählt. In der yogischen Tradition gilt dieser Tag seit jeher als besonders kraftvoll: der Moment, in dem die äußere Sonne ihren Höhepunkt erreicht, gilt als Einladung, sich der inneren Sonne zuzuwenden.

Was Du am Anfang dieses Textes gespürt hast, hat im Yoga sogar einen eigenen Namen: Antara Kumbhaka – den Atem halten nach vollständiger Einatmung. Mit gefüllten Lungen, bevor der Atem sich wieder löst. Während dieser Pause, sagt die yogische Tradition, füllt sich der Körper mit Prana, unserer Lebenskraft. Du musst diesen Begriff nicht kennen, um die Übung zu spüren. Aber es ist doch schön zu wissen, dass es seit Jahrtausenden ein Wort dafür gibt.

Zwei offizielle Anlässe also an einem Tag und kaum jemand verbindet sie. Die meisten wissen vielleicht nicht einmal, dass heute Sonnenwende ist. Andere wiederum rollen ihre Matte aus, ohne zu wissen, warum ausgerechnet heute. Beides hat jedoch denselben Kern: bewusstes innehalten.

 

Was wir mit dem „Nicht-Innehalten“ verloren haben:

Mittsommerfeuer haben eine lange Tradition in Europa von vorchristlichen Bräuchen, die sich bis heute in Mittsommerfesten in Skandinavien und den Johannisfeuern in Bayern und Österreich erhalten haben. Über Jahrhunderte war der Kern immer derselbe: Feuer, Gemeinschaft, ein wacher Blick auf die kürzeste Nacht des Jahres. Sie zündeten Feuer auf Bergkuppen an, sangen, blieben wach bis zum Morgen. Es ging nie um die Astronomie an sich. Es ging um Bewusstsein: dass das Licht ab heute wieder weicht, dass dieser Höhepunkt zugleich der Anfang vom Abnehmen ist, dass wir Teil eines Zyklus sind, den wir nicht beherrschen.

Mit der Aufklärung, der Industrialisierung, dem mechanischen Jahr aus Wochenarbeitszeit und Quartalszahlen ist dieses Bewusstsein leider immer mehr verschwunden. Wer auf dem Feld arbeitet, weiß instinktiv, wann der längste Tag ist, die Sonne strukturiert die ganze Saison. Wer am Schreibtisch sitzt, für den ist der 21. Juni möglichwerweise einfach ein gewöhnlicher Tag im Juni.

Die Natur ist Außenkulisse geworden, etwas, das im Urlaub schön ist, aber nichts mehr, was unser Leben rhythmisiert. Wir haben dabei nicht nur ein Datum verloren. Wir haben das Gefühl dafür verloren, dass auch unser eigenes Leben Höhepunkte und Wendepunkte hat. Momente, in denen etwas in uns gerade voll ist, kurz bevor es sich zu wenden beginnt. Ohne äußere Anlässe, die uns daran erinnern, übersehen wir diese inneren Momente leicht. Dabei brauchen wir keine Esoterik, um diesen Tag wieder ernst zu nehmen. Es reicht, sich daran zu erinnern, dass auch unser eigener Körper diesen Rhythmus kennt. Jeden einzelnen Tag und in jedem Atemzug.

 

Eine Einladung an Dich

Du musst kein Feuer entzünden. Du musst keine Yogamatte besitzen. Setz Dich für eine Minute irgendwohin und lass Dich von der Sonne anlächeln. Atme ein. Halte kurz. Spüre den Stillstand. Das ist Dein eigener, ganz persönlicher Solstitium-Moment. Atme aus. Wiederhole das drei, vier, fünf Mal oder solange Dein Geist eben stillhalten will. Das ist auch schon die ganze Praxis.

Vielleicht merkst Du dabei, dass auch in Deinem Leben gerade etwas seinen Höhepunkt hat. Etwas, das ab heute beginnt, sich wieder zu wenden. Ein Projekt, eine Beziehung, eine Phase, eine Anstrengung. Du musst es nicht benennen. Spüren reicht manchmal schon vollkommen aus.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Sinn dieses Tages. Nicht ein großes Ritual, sondern eine winzige Erinnerung mitten im Alltag: Halt kurz inne. Schau, wo Du stehst. Dann geh weiter mit dem nächsten Atemzug.

Der längste Tag des Jahres ist ein Geschenk. Und Geschenke nimmt man nicht im Vorbeigehen entgegen. Man hält wenigstens für einen kurzen Moment inne.

 

Herzliche Grüße und hab einen kraftvollen Tag